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Rock / Heavy Metal 22.09.2026

Russian Circles im Interview zu neuem Album "Nine"

Russian Circles im Interview zu neuem Album "Nine"

Wer Instrumentalmusik macht, macht es sich leicht. Immerhin muss man sich so nicht damit beschäftigen, welche Botschaft man transportieren will. Denn echte Aus­sagen treffen, Parolen schwingen, Geschichten erzählen, funktioniert ohne Songtexte nur mäßig. Für Mike Sullivan, Gitarrist bei Russian Circles, ist das eine Stärke seiner Band. „Unsere Songs sind absichtlich offen für Interpretation“, sagt er. „Für uns geht es um die Emotion dahinter und wie Menschen damit eine Verbindung aufbauen.“ Emotionen hat das neue Album “Nine” genug zu bieten. Zwischen dem von klassischer Gitarre inspirierten Akustikstück “Arletta” und dem raumgreifenden, filigran geschichteten “Eluvial” spannt die Band einen Soundkosmos, der ebenso betrüblich wie mitreißend ist. Aber auch, wenn die Musik für sich spricht, räumt Sullivan ein, dass die Songtitel eine gewisse Bedeutung haben – wenngleich oft nur für die Musiker selbst.

Das passt dazu, dass derjenige, der den Song schreibt, ihn benennen darf. Manche Songs, die Namen von Städten tragen, wurden einfach in dieser Stadt geschrieben, manche sind nach Freund*innen und Weggefährt*innen benannt. Und manche sind, wie “E2”, aus der Not geboren. „Die Geschichte ist superbanal“, so Sullivan. „Ursprünglich war ‘Eluvial’ einfach extrem lang, vielleicht 15 Minuten. Das war absurd. ‘E2’ ist der zweite Teil des Ursprungssongs, also einfach die Abkürzung für ‘Eluvial 2’.“ Natürlich gäbe es auch andere Interpretationsmöglichkeiten. Etwa das Feld auf einem Schachbrett, was zum Titel des letzten Songs “Seventh Seal” passen würde. Aber wer diese Bedeutung sucht, muss sie selbst finden und bekommt sie nicht von Russian Circles aufgetischt. Trotzdem: So wenig die Band die Bedeutungsebenen ihrer Songs vorschreiben möchte, so wichtig ist ihnen die Kontrolle bei allem anderen, was die Musik angeht.

Geduldsprobe

Dass Russian Circles klingen, wie sie klingen, haben sie zumindest zum Teil ihrer Heimatstadt zu verdanken. Chicago ist eine der wichtigsten Musikmetropolen der USA. Neben Künstler*innen aus den Genres Soul, House und HipHop ist die Stadt auch bekannt für Bands wie Smashing Pumpkins, Alkaline Trio, 88 Fingers Louie, Cap’n Jazz oder The Dwarves. Genau wie für das legendäre Indie-Label Touch And Go, das unter anderem Platten von Slint, Big Black oder The Jesus Lizard veröffentlicht hat. Viel Geschichte, viele Bands, von denen man sich bewusst oder unbewusst beeinflussen lassen kann.

Als Sullivan seine erste Band, das Mathrock-Trio Dakota/Dakota, 2004 verlässt, tut es ihm Bassist Colin DeKuiper gleich. Die beiden tun sich mit Dave Turncrantz zusammen, den Sullivan schon seit der Schule kennt und der dessen Herangehensweise an Musik nachhaltig prägen soll. „Ich habe erst vor kurzem mit Dave darüber gesprochen, wie es war, zum ersten Mal zusammen in einem Raum abzuhängen und zu jammen. Wir kannten uns schon länger, haben aber erst mit Anfang 20 im Keller eines Kumpels mit dem gemeinsamen Musikmachen angefangen“, sagt er. „Wir hatten keine Ahnung, was unser Ziel war, außer, dass unsere Songs instrumental sein sollten.“ Geduld wollte das Trio mit seinen Instrumenten beweisen, mit Songs in Moll und mit der nötigen Heaviness. Die Stücke, die Russian Circles schrieben, sollten sich entwickeln dürfen. Für Sullivan ist “Carpe”, der erste Song von “Enter” von 2006, die Blaupause für die folgenden 20 Jahre Bandgeschichte. „In meiner alten Band war ich ziemlich egoistisch“, so Sullivan. „Ich habe eine Million Töne in Songs gequetscht, war abgelenkt und chaotisch. In der Hinsicht habe ich wirklich viel von Dave gelernt.“

»Manche Platten sind nicht dafür gemacht, live gespielt zu werden.«

Mike Sullivan

Für DeKuiper ist “Enter” die erste und zeitgleich letzte Platte mit Russian Circles. An seine Stelle tritt Brian Cook, der bis heute Bass und Synthesizer beim Instrumentaltrio bedient, nebenbei bei der Supergroup Sumac spielt und früher Teil der Post-Hardcore-Ikonen Botch war. Als Neuzugang prägt er den Sound der Band ab der zweiten Platte “Station” mit, die 2008 erscheint. Aber der Grundtenor, die Basis, ist laut Sullivan seit diesen ersten Abenden im Bandkeller gesetzt. Sich darauf immer wieder zu verständigen, sich aufeinander einzustellen und die musikalische und persönliche Chemie zu pflegen, ist zwar Arbeit, aber die reduzierte Besetzung mache das dafür auch relativ leicht. „Wir helfen uns gegenseitig dabei, zu wachsen, uns zu vergeben und zu erkennen, dass wir unsere Unterschiede haben“, sagt Sullivan. „Wir wissen, dass das, was wir hier machen, eine heilige Sache ist. Wir wollen geduldig und respektvoll gegenüber den Grenzen der anderen sein. Auf Tour, wenn man sich abends ins Bett legt, fragt man sich oft: War ich ein guter Bandkollege?“ Sullivan überlegt kurz und ergänzt: „Wobei, nicht mal Bandkollege. Wir wollen nicht nur Arbeitskollegen und Mitglieder derselben Band sein. Wir wollen Freunde sein. Wenn es keine Freundschaft gibt, fällt die Band auseinander.“

Konsistenz ist König

Neben der Punk- und Alternative-Szene und ihren dazugehörigen Bands und Labels ist Chicago im alternativen Underground vor allem für einen Ort bekannt: Electrical Audio, das Studio von Steve Albini, in dem allein in den vergangenen paar Jahren so unterschiedliche Bands wie Ratboys und Weedeater, Mono und Flogging Molly, Motion City Soundtrack und Fucked Up ein- und ausgegangen sind. Gelegen nahe des Chicago River, weit abseits des Trubels von Downtown, sieht das Studio von außen nach nicht viel aus. Eine rote Tür, roter Backstein, kein Schild. Innen versteckt sich eine kreative Räucherkammer, die auch heute Gegenstand zahlreicher Bandanekdoten ist – auch wenn jetzt eine Person fehlt. Albini
stirbt 2024 nach einem Herzinfarkt. Eine Tatsache, die auch an Russian Circles, die alle ihre Alben zumindest zum Teil bei Electrical Audio aufnehmen, nicht spurlos vorbeigeht. „Alle bei Electrical Audio trauern ihm noch nach“, sagt Sullivan. „Ob du mit ihm aufgenommen hast oder nicht, wenn er da war, mogelte er sich einfach in Sessions rein, ließ einen superwitzigen Kommentar da und sorgte mit seinen trockenen Beobachtungen für einen großartigen Vibe.“

Nicht nur Albinis Abwesenheit war spürbar, auch eine andere Herangehens­weise ans Songwriting. Sullivan fängt zu “Nine” an, die Melodien seiner Songs mit Notation auf Papier zu strukturieren, auf denen die Band im Vergleich zum Vorgänger “Gnosis”, der während Corona entstand, endlich wieder im selben Raum jammen kann. Sullivan selbst spielt seine Parts in Kurt Ballous Studio God City ein, während Turncrantz sein Schlagzeug und Cook seinen Bass bei Electrical Audio aufnehmen. Dass das Gesamtprodukt wie aus einem Guss klingt, ist nicht nur der Expertise von Ballou, sondern auch der Routine von Russian Circles zu verdanken. So wie der Sound der Band sich mit jedem Album ein bisschen mehr ausdehnt, aber doch wieder zur Basis findet, so scheint auch der Entstehungsprozess der Platten des Trios zu funktionieren. In Nuancen anders, aber eben doch eingespielt und vertraut, auch, wenn die drei Mitglieder mittlerweile in unterschiedlichen Teilen des Landes leben. Dass Turncrantz, Cook und Sullivan gelernt haben, miteinander geduldig zu sein, dürfte helfen.

Obwohl Sullivan positive Erinnerungen an die Anfangszeit seiner Band hat, wirklich nostalgisch wirkt er nicht. Während andere Künstler*innen sich schon für fünf- oder zehnjährige Albenjubiläen in den Tourbus setzen, scheint das Trio wenig Interesse an Vergangenheitshuldigung zu haben. „Wir haben uns nie mit dem Gedanken an Albumshows beschäftigt“, sagt er. „Wir spielen lieber Songs aus unserem gesamten Katalog. Und wir wurden auch einfach noch nie gefragt, ob wir zum Beispiel ein besonderes Roadburn-Set spielen wollen. Es könnte schon passieren. Aber manche Platten sind nicht dafür gemacht, live gespielt zu werden.“ Auch hier scheinen Russian Circles Beständigkeit zu beweisen. Statt sich besondere Konzepte für Shows zu überlegen, sich neue Studios oder Produzent*innen zu suchen oder sich an abwegigen Soundexperimenten zu versuchen, bleiben sie lieber im Post-Rock- und Post-Metal-Kosmos und schrauben an den Details. Song für Song, Platte für Platte. Geduldig und reflektiert.

Das siebente Siegel

Der letzte Song von “Nine” ist nicht nur nach dem 1957 erschienenen Film von Ingmar Bergman benannt, weil der Tod darin Schach gegen den Ritter Antonius Block spielt und Sullivan Fan des Spiels ist. Ursprünglich sollte er “Tompa” heißen, als Hommage an den verstorbenen At-The-Gates-Sänger Tomas Lindberg. Den Namen habe man „aus verschiedenen Gründen“ verworfen, aber die Schweden-Connection durfte bleiben.

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