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Kino 25.09.2026

Unabomber auf Netflix verbindet die schlimmsten Angewohnheiten des Streamers in einem uninspirierten True-Crime-Thriller

Unabomber auf Netflix verbindet die schlimmsten Angewohnheiten des Streamers in einem uninspirierten True-Crime-Thriller
Die Suche nach einem notorischen Briefbombenattentäter entwickelte sich zur längsten Fahndung in der Geschichte des FBI. In seiner Kritik zum Netflix-Thriller Unabomber erklärt Moviepilot-Redakteur Mario Giglio, warum daraus trotzdem nicht mal 90 spannende Minuten wurden.

Thriller und True Crime (gerne in Kombination) machen bei Netflix die halbe Miete aus. Wenn man dann auch noch einen Hollywood-Superstar für eine Rolle gewinnen kann, steht dem Erfolg auf der Streaming-Plattform eigentlich nichts mehr im Weg. Erst neulich dominierte Der Kinderflüsterer mit Robert De Niro wochenlang die Film-Charts auf Netflix. Im Serienbereich ist es aktuell die neue Monster-Staffel über den historischen Fall von Lizzie Borden. Eine Anthologie, die sich auch eine ganze Season lang mit dem Unabomber aka Ted Kaczynski hätte beschäftigen können.

Dabei fällt es dem True-Crime-Thriller von Janus Metz (Der Anruf) schon schwer, auf seine 97 Minuten zu kommen. Ganz abgesehen von der Litanei an Netflix-Sünden, die der neue Unabomber-Film während seiner sich viel länger anfühlenden Laufzeit begeht.

Anti-Manifest: Der Netflix-Thriller Unabomber hat absolut nichts zu sagen

Der damals eremitisch in der Wildnis lebende Unabomber Kaczynski terrorisierte die USA von 1978 bis 1995 mit einer Reihe von Paketbomben, die 23 Menschen verletzten und drei töteten. Besondere Aufmerksamkeit erhielten seine radikalen Ideen zur Reformation der Gesellschaft durch die Veröffentlichung seines Manifests in mehreren Zeitungen. Ideen, die noch heute in jeder Internet-Kommentarspalte Anklang finden – auch wenn es sich dabei um relativ standardmäßige Gedanken über drohende Kontrolle durch Technologie und das industrielle System handelt, die man gratis zu jeder Kapitalismuskritik dazubekommt. Nur mit sehr viel mehr libertärem Gedankengut.

An diesen Ideen oder daran, warum sie gerade heute wieder offene Ohren finden zu scheinen, ist der Unabomber-Film von Netflix nicht interessiert. Stattdessen erleben wir auf einer von zwei Zeitebenen, wie es nach der langen FBI-Ermittlung 1995 allmählich zur Ergreifung Kaczynskis kam. Auf der anderen sehen wir, wie er als junger Harvard-Student (Jacob Tremblay) an einem kontroversen Psychologie-Experiment teilnahm, das ihn laut dieser Version der Story über die Schwelle zum Wahnsinn schubste. Diese Experimente wurden von Prof. Murray durchgeführt, der von Hollywoodstar Russell Crowe dargestellt wird und bald schon feststellt, dass Ted womöglich an einer Form von Schizophrenie leidet. Etwas, das im erst viel später diagnostiziert wurde.

Hier der Netflix-Trailer zum True-Crime-Thriller Unabomber:

Die Studienzeitszenen dienen dazu, Kaczynski plump zu pathologisieren. Klischeehafte Momente im schwierigen Elternhaus werden dabei durch die Implikation erweitert, dass er asexuell gewesen sei, was mehrere Quellen inklusive des berüchtigten Manifests widerlegen. Ein noch plumperer Kniff, ihn als sozial isolierten Weirdo ohne Gefühle zu zeichnen. Schon erstaunlich, dass Netflix mit Serien wie Heartstopper dermaßen aufgeklärt sein kann, was trans Personen und andere LGBTQ-Identitäten angeht, es im Jahr 2026 aber immer noch komplett in Ordnung zu sein scheint, asexuelle Menschen für das historisch verfälschte Porträt eines Massenmörders unter den Bus zu werfen.

Schlimmer als dieser Inhalt ist fast noch der Transport jenes Inhalts, denn das Unabomber-Drehbuch stammt direkt aus der Hölle – oder sollte ich besser sagen: aus dem Upside Down? Jedes Gerücht darüber, Netflix würde seine Autor:innen dazu anhalten, Dialoge zu vereinfachen und Motivationen direkt auszusprechen, weil das Publikum nebenbei am Handy herumspielt, wird hier bestätigt. Allerdings scheinen die Macher das Verdummungs-Memo erst etwas spät bekommen zu haben, denn viele der Extra-Expositionseinschübe wurden in der englischen Originalversion erst durch sehr offensichtliche ADR-Nachsynchronisation hinzugefügt.

Im Gegensatz dazu kann man sich über den lahmen Look des Ganzen gar nicht mehr aufregen. Es sieht halt aus wie jede andere Netflix-Produktion. Kompetent genug, aber komplett uninspiriert. Aber gut, im Rahmen eines True-Crime-Thrillers interessiert uns ja vor allem der Fall an sich, nicht wahr? Nun, was das angeht, müssen wir wohl langsam einer lange ignorierten Wahrheit ins Gesicht blicken.

Der Unabomber ist als Thema nicht so spannend, wie 16 Jahre Fahndung vermuten lassen

Obwohl Ted Kaczynski zuweilen als Synonym für gefährliche Eigenbrötler mit großen Ideen verwendet wird und sich die Suche nach ihm in die Länge zog, ist die Ermittlung weniger spannend, als True-Crime-Produzenten es sich wohl wünschen würden. Vielleicht springt dieser Unabomber-Film auch deshalb gleich ans Ende dieser 16 Jahre und erzählt lediglich von der relativ unspektakulären Überführung durch FBI-Agentin Joanne Miller (Shailene Woodley). Eine fiktive Kompositfigur, vermutlich in Anspielung auf Dr. Kathleen Puckett von der Unabom Task Force und FBI-Profilerin Candice DeLong, die maßgeblich an der Ermittlung beteiligt waren. Und selbst dann hatte man das Gefühl, das Ganze mit psychologisierten Flashbacks in die Jugend auffüllen zu müssen.

Das erste Dokudrama Unabomber: The True Story erschien bereits 1996 als TV-Film, nur wenige Monate nach seiner Ergreifung. Es zeigt den späteren Saw-Star Tobin Bell als Paketbomber, konzentriert sich aber auf seine Opfer und die Ermittler, auch wenn die oben erwähnten Frauen aus dem Team keine Erwähnung finden. Ebenso historisch fragwürdig ging die Unabomber-Staffel der Serie Manhunt vor, die einen kaum involvierten Ermittler als zentralen Profiler des Falls inszeniert, immerhin aber eine gefeierte Performance von Paul Bettany als Kaczynski enthält.

Vielleicht steckt im Unabomber-Fall irgendwo eine gute Geschichte, die etwas Profundes zu sagen hat oder wenigstens spannend ist – der neue Netflix-Film ist es aber nicht. Bei Interesse ist man mit wirklich jeder Dokumentation zum Thema besser beraten.

Unabomber streamt seit dem 25. September 2026 auf Netflix.

Zum Originalartikel →

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